Mittwoch, 14. Januar 2026

Flugschrift Feuer und Flamme der khomeinistischen Despotie

 

Es war eine der ersten Sequenzen, die nach Beginn des Shutdowns durchdrangen. Man empfand Freude und Erleichterung zugleich nach Stunden der Ungewissheit. Wo man gegossenes Blei und Tod erwartete, waren einzig Abertausende in Freude zu sehen. Frauen schwenkten, wie während der Proteste nach dem misogynen Mord an Jina Amini, ihren Schal über kleine Feuer. Und einige junge Männer tanzten einen kurdischen Halparke. Tage später las ich bei dem Journalisten Saman Rasoulpour, dass wenige Minuten nach diesen Momenten der Freude jene in Teheran-Punak tanzenden Männer ermordet wurden. Einer von ihnen war Siavash Shirzad aus dem kurdischen Bukan. Seine Leiche wurde in das forensische Zentrum nach Kahrizak, südlich von Teheran, gebracht. Der Familie, die aus Bukan anreiste, wurde eine hohe Gebühr abverlangt, so genanntes »Munitionsgeld«, nur um die schwarze Leichenhülle von Siavash sehen zu dürfen. Eine von tausenden schwarzen Leichenhüllen in Kahrizak. Sie sind nummeriert. Siavash ist die 12647. Da das kurdische Bukan eine Tradition im Widerstand hat, wurde die Familie gezwungen, Siavash in einer ruralen Gemeinde zu beerdigen. Bei Unnachgiebigkeit wurde ihr als Konsequenz angedroht, dass Siavash in einem anonymen Grab verscharrt werde.

 Ein Bodycount von mehr als 12.000 Ermordeten innerhalb weniger Tage erscheint einem als so dystopisch-surreal, dass man noch am Wahrheitsgehalt zu zweifeln geneigt ist. Selbst in den dunkelsten Phasen der syrischen Katastrophe war der Bodycount höchstens halb so hoch. Währenddessen identifizieren Organisationen wie Hengaw bei andauerndem Shutdown mehr und mehr der Ermordeten und geben den Toten in den schwarzen Leichenhüllen einen Namen. Wie Siavash.

 Als innerhalb weniger Tage im November 2019 unter einem Shutdown der virtuellen Kommunikationssphäre Hunderte Protestierende im Iran ermordet wurden, harrten die Europäer geduldig aus, bis das Regime den Triumph über die »feindliche Verschwörung« ausgerufen hatte. Nach den Massakern warteten Auswärtiges Amt und Europäische Union mit der notorischen Phrase auf: das »Recht auf friedlichen Protest« müsse gewahrt sein – gewahrt blieb wahrlich nur die Pietät der Schlächter. Die Tage zuvor brannten im Iran die Filialen jener Finanzinstitute, die mit der Wächterarmee der Islamischen Revolution assoziiert sind, und auch so manches theologische Seminar der tugendterroristischen Geistlichkeit. In den Slogans sprachen sich die Protestierenden entschieden gegen das Regime als falsches Ganze und seine aggressive Krisenexorzierung aus.

 Zu Beginn des Jahres 2020, nach der Tötung eines der Strategen dieser Krisenexorzierung, Qasem Soleimani, war das deutsche Interesse an dem Iran wieder ein anderes. Sie spekulierten auf jenen Iran, der identisch ist mit den eigenen Projektionen: zutiefst gekränkt, vereint im Hass auf die imperiale Arroganz, zu beschwichtigen nur durch kritischen Dialog. Der Spiegel reproduzierte die Lüge von der Einheit mit einem stundenlangen Livestream von der Märtyrerprozession. Das ARTE Journal verhöhnte jene, die der Blasphemie gegenüber Soleimani verdächtigt und verhaftet wurden: »Selten waren die Iraner so vereint wie in diesen Tagen.« Was auf das europäische Publikum wie ein Gewusel und spontaner Prozess der Anteilnahme zu wirken vermochte, war in Wahrheit eine gewaltige Anstrengung des Regimes, Stabilität zu simulieren, wo Implosion droht, und die US-Amerikaner zu überzeugen, was die Europäer verinnerlicht haben: die Aussichtslosigkeit eines Regimechange. Während eine Charaktermaske wie Rolf Mützenich noch von der »Einigkeit« der Iraner im Verlangen nach Rache raunte, brachen wenige Tage nach der Märtyrerprozession in Teheran, Mashhad und anderswo im Iran erneut Massenproteste aus. Die penetrante Märtyrerdekoration mit dem Antlitz des getöteten »Volkshelden« wurde heruntergerissen, in den Protestslogans wurde Soleimani als Bluthund von Ali Khamenei charakterisiert und die Wächterarmee der Islamischen Revolution, deren Generalmajor er war, eine iranische Variante des staatenlosen Islamischen Staates gerufen.

 Der »Volksheld« deutscher Projektionen, dem man noch »Kultstatus« nachsagte, als er von Iranern als »Qasem Kotlet« verhöhnt wurde, zerfällt in diesen Tagen endgültig zu Staub. Seine Statuen werden zertrümmert, die penetrante Märtyrerdekoration mit seinem Antlitz verbrannt, in Kerman, wo Soleimani begraben ist, wie anderswo im Iran auch, das baldige Ende des Regimes herbeigerufen. Während der Novemberproteste 2019 hatte in der Tagesschau die Korrespondentin Karin Senz empfohlen, an die Iraner zu denken und innerlich Anteil zu nehmen, aber schweigend auszuharren. Europa, so Senz, müsse sich vorrangig darauf konzentrieren, das JCPOA-Vertragswerk wieder zur Geltung zu bringen. Dafür bedürfe es »große(r) Diplomaten« – europäischer natürlich. So debil einem ihre Worte erschienen, sprach Senz den Wesenskern deutscher Politik gegenüber der khomeinistischen Despotie aus. 

 Der schändlichen Blamage jener deutschen Unternehmung, das khomeinistische Regime zum »Stabilisierungsfaktor in der Region« zu machen, ist sich das Auswärtige Amt inzwischen bewusst. Auch wäre heute keiner der deutschen Korrespondenten jüngerer Generation noch so schamlos, von dem »Potenzial« zu raunen, »Reformen im Parlament zu diskutieren«, wie Jörg Brase angesichts der Proteste infolge des misogynen Mordes an Mahsa Amini. Doch das Echo jenes Aufrufes zum quietistischen Ausharren hallt nach wie vor nach. In den Tagesthemen sprach der gefragteste unter den deutschen Orientalisten, Daniel Gerlach, davon, dass die US-amerikanischen Zusicherungen, angesichts drohender Massaker nicht auszuharren, dem Regime jene »Argumente« darbringt, um die Proteste »wirklich« wie eine militante Insurrektion zu kontern.

 Nach dem Bloody Aban im Jahr 2019 hätte jeder wissen müssen, dass jede weitere Erhebung mit dem Potenzial, das Regime existenziell zu bedrohen, Abertausende Tote unter den Revolutionären einfordern wird. Wer angesichts dieser düsteren Aussicht weiterhin nicht gewillt ist, vor dem Regime zu kapitulieren, kann nicht anders, als jene Szenarien durchzudenken, bei denen die Todesindustrie des Regimes durch Sabotage und militärische Präzision drastisch geschwächt wird. Da in Europa ein Bruch mit dem quietistischen Ausharren als Worst-Case-Szenario denunziert wird, bleibt den iranischen Revolutionären nunmehr nichts Weiteres, als auf einen konkreten Beistand durch die US-Amerikaner zu hoffen, deren Präsident Donald Trump sich nach der israelischen Militärkampagne »Rising Lion« noch damit brüstete, Ali Khamenei vor einem »hässlichen und schmählichen Tod« bewahrt zu haben, indem er Israel an seiner längst fälligen Tötung gehindert habe. Einen Regimechange assoziierte er in jenen Tagen, wie sonst nahezu jede europäische Charaktermaske, mit dem Aufwirbeln von Staub: »Nein. Wenn es einen gäbe, gäbe es ihn, aber nein, ich will ihn nicht.« Seine jüngsten Äußerungen stärken indes die Zuversicht, dass – wenn nicht Israel – jene Fürsprecher eines freien Irans in der Grand Old Party Trump überzeugt haben, dass die mit Massakern erzwungene Perpetuierung der Krisenexistenz des khomeinistischen Regimes eine strategische Katastrophe wäre.

 Um das Regime zu Fall zu bringen, ist es nach wie vor nicht zu spät. Zu spät ist es aber für tausende Revolutionäre, die in den vergangenen Tagen ermordet wurden. Wie im November 2019 sind auch heute wieder die Revolutionäre konfrontiert mit Legionären der Shiʿat Ali aus dem Irak und anderswoher. Sie bewegen sich, als Pilger getarnt, zwischen dem Irak und dem Iran. In vielen Provinzen vom zentraliranischen Qom nach Hamadan, über Kermanshah, Ilam und Lorestan bis ins südiranische Fars wurden die Proteste noch vor dem Shutdown am 8. Januar mit gegossenem Blei gekontert, aber nicht zum Schweigen gebracht. Amirhesam Khodayarifard etwa wurde am 31. Dezember in Kuhdasht, Provinz Lorestan, ermordet. Das Regime bedrängte die Familie, Amirhesam als Märtyrer der Basij-Miliz zu beerdigen. Doch die Familie widersprach vehement.

 

 Den Sequenzen nach, die entweder noch vor dem Shutdown oder mit Starlink-Terminals zu uns durchdrangen, waren in Teheran, Mashhad und anderswo am 8. und 9. Januar Abertausende auf den Straßen. Beeindruckend vor allem Mashhad in der nordöstlichen Provinz Razavi Khorasan, wohin das Regime Milliardensummen in das Pilgerbusiness investiert hat, um es zum »spirituellen Zentrum« der Shia zu machen. Mashhad war das Reich von Ebrahim Raisi und seines Schwiegervaters Ayatollah Ahmad Alamolhoda, einem berüchtigten misogynen Ayatollah. In Mashhad wurde Ali Khamenei geboren. Und Mashhad war auch die Kulisse des Prostituiertenmörders Saeed Hanaei. Zwischen dem 8. und dem 9. Januar waren hier Abertausende Revolutionäre auf der Straße. Wie auch anderswo brannte in Mashhad eine der vielen Hawzat, jene Mullah-Seminare, in denen die theologischen Kader des Islamischen Staates im Sinne von Ruhollah Khomeini ausgebildet werden. In Qom, der theologischen Kapitale im Iran, hallten antiklerikale Slogans durch die Straßen, während Protestierende schwarze Turbane schwenkten, um Ali Khamenei verächtlich zu machen.

 Iranweit brannten Institutionen des Regimes. In Mashhad und Isfahan die Sendezentren des Islamic Republic of Iran Broadcasting (IRIB), jener totalitären Inquisition, die Generationen an Kritikern der khomeinistischen Despotie vorgeführt, kompromittiert und gedemütigt hat. Unzählige Zentren zur tugendterroristischen Agitation und Rekrutierung der berüchtigten Basij-Miliz brannten in den vergangenen Tagen, wie etwa die al-Rasool-Moschee im Teheraner Norden. Im südiranischen Bushehr indes wurden mehrere Revolutionäre vor der Qoran-Moschee, die die Regimeschergen zu ihrer operativen Basis machten, ermordet. Durch das zentraliranische Khomeyn, wo Ruhollah Khomeini geboren wurde, hallte der Ruf nach einer Restauration der Pahlavi-Monarchie. Schwere Konfrontationen auch in der südwestlichen Provinz Khuzestan, Zentrum der iranischen Petroleumindustrie, und in einem Gürtel an Provinzen von Ilam, Kermanshah und Lorestan bis nach Hamadan, Markazi und Qazvin. Keine einzige Provinz, die zwischen dem 7. und 9. Januar nicht von der revolutionären Erhebung erfasst wurde. In Abdanan, Sarableh und Lumar in der kurdischen Provinz Ilam wurden die Regimeschergen noch vor dem 8. Januar, zumindest temporär, hinausgedrängt. 

 Die Revolutionäre rufen nicht etwa »Tod der Inflation«, auch wenn die drastische Entwertung des Rial und die Eskalation der ökonomischen Krise unbestritten Trigger für die Wucht der revolutionären Erhebung sind. Sie rufen nach einem Ende des ganzen Regimes und seiner Katastrophenpolitik aggressiver Krisenexorzierung, die sich in aller Konsequenz gegen das eigene Leben wendet. Der Streik des Teheraner Bazars, mit dem es begann, war vielmehr das revolutionäres Momentum und nicht der Kern dessen, was sich Bahn brach. Der Bazar war 1979 noch ein entscheidender Faktor bei der khomeinistischen Übernahme des Irans. Noch während der Pahlavi-Monarchie rekrutierte sich die terroristische Keimzelle der Islamischen Republik, die Fadâʾiân-e Eslâm, aus den unteren Rängen der ökonomischen Hierarchie der traditionellen Bazare in Teheran, Mashhad und Qom. Viele Bazari-Familien waren traditionell eng verbunden mit der Geistlichkeit. Sie waren es auch, die den Charter jener Air France Boeing 747-100 finanzierten, die Ruhollah Khomeini am 1. Februar 1979 von Paris nach Teheran brachte. Vor allem die klientelistischen Privatisierungen in der Ära von Mahmud Ahmadinejad (2005–2013), in der die »Prinzen« der Wächterarmee ihre ökonomische Dominanz drastisch erweiterten, schwächten die traditionelle Geltung der Bazari in der nationalen Ökonomie. Ihr endgültiger Bruch mit dem Regime war das Fanal für die revolutionäre Erhebung.  

 Das Europa des unerschütterlichen Ausharrens hadert indes mit den Qualitäten der iranischen Opposition. Augenscheinlich hat es wenig zu ihrer Reputation beigetragen, dass nahezu alle relevanten Fraktionen der iranischen Opposition – von den Fürsprechern Reza Pahlavis über die kurdischen Parteien bis zu Persönlichkeiten wie Ali Javanmardi – für eine Fundamentalopposition zur katastrophischen Krisenexorzierung des Regimes plädieren. Auch viele Kritiker der Pahlavi-Monarchie geben heute Shapour Bakhtiar Recht, dem Ende des Jahres 1978 als Geste des Entgegenkommens gegenüber der Opposition von Mohammad Reza Pahlavi das Amt des Premierministers angeboten wurde. Bakhtiar, der in jüngeren Jahren die spanische Republik gegen die franquistische Reaktion militant verteidigt und danach mit der französischen Résistance fraternisiert hatte, entgegnete dem Monarchen: »Ihr Vater hat meinen Vater umgebracht. Sie haben mich inhaftiert. Ich sollte keinerlei persönliche Loyalität Ihrer Dynastie gegenüber haben.« Doch in diesen Tagen, so Bakhtiar weiter, sei es Priorität, die Übernahme des Irans durch »diese Barbaren« zu verhindern. Die anderen Persönlichkeiten der Nationalen Front, der auch Bakhtiar bis dahin angehörte, waren sich dagegen längst darin einig, dass die Führung von Ruhollah Khomeini übernommen werden solle. Wenig später war Bakhtiar gezwungen worden, aus dem Iran zu flüchten. Am 6. August 1991 wurden ihm im französischen Exil von Regimeschergen Kehle und Handgelenke durchtrennt.

 Die khomeinistische Despotie muss fallen!


Dienstag, 29. Juli 2025

Flugschrift: Suwayda und die nächste Phase der syrischen Katastrophe

 

Al-Mukhtariya ist eine kleine rurale Gemeinde nordöstlich von Latakia. Die Alawiten, die hier leben, sind mit keinem Clan assoziiert, der unter dem mafiotischen Akkumulationsregime der Hizb al-Baʿth auch nur irgendwie profitiert hätte. In al-Mukhtariya sicherte traditionell die Kultivierung von Orangenbäumen und Weinrebenblättern den Menschen eine karge Existenz. Bestraft wurden sie einzig dafür, dass sie als Nusairiyun als Häretiker gelten, und dafür, dass ihre Gemeinde aus dem Schatten jenes M4-Highways herausragt, der von der Groß-Idlib-Region nach Latakia führt und auf dem in den Märztagen dieses Jahres Kolonnen an Militanten in die Küstenregion vordrangen. 148 Menschen wurden am 7. März in al-Mukhtariya bestialisch ermordet. Die Männer wurden gezwungen, durch den Staub zu kriechen und das Gekläffe von Hunden zu imitieren, bevor sie einer nach dem anderen hingerichtet wurden.

 Das bestialische Massaker war nur eines von mehreren in jenen Tagen. Viele der Ermordeten wurden zuvor gefragt: »Bist du Alawit?« Wer verneinte, wurde mit religiösen Fragen konfrontiert. Wer die Antworten nicht wusste, wurde ebenso hingerichtet. Doch die europäischen und US-amerikanischen MENA-Analysten waren in jenen Tagen peinlichst bemüht, in dem syrischen Präsidenten Ahmed al-Sharaa den eigentlichen Geschädigten der Katastrophe auszumachen. Syrische Oppositionelle dagegen dokumentierten detailliert die Orchestrierung einer Abstrafungskampagne, die einer genozidalen Woge glich. Verifiziert ist dabei auch die operative Präsenz von Hassan Abu Qasra am 7. März im ruralen al-Mukhtariya. Hassan Abu Qasra erhielt zu Beginn des Jahres die Verantwortung über die Petroleumdistribution der Regimearmee. Er ist der Cousin von Generalmajor Murhaf Abu Qasra, der in der militärischen Kommandohierarchie auf den Präsidenten folgt und als Protegé von al-Sharaa gilt.

 Hassan Abu Qasra ist nicht nur eine zentrale Figur in der Energielogistik des Regimes. Er ist vielmehr noch ein umtriebiger Propagandist genozidaler Drohungen, die er in den Märztagen unverhohlen äußerte: »Die Hunde wollen beim Sahur Fleisch fressen«, höhnte er am Vorabend des Massakers von al-Mukhtariya. Mit der Sahur-Speise ertüchtigten sich die Gläubigen während des Ramadans für das Tagesfasten, das mit der Morgendämmerung beginnt. Das Massaker in al-Mukhtariya, auch das ist verifiziert, erfolgte in den Morgenstunden. In den folgenden Tagen beschwingte sich Hasan Abu Qasra daran, dass »die Frauen der Rafida (jene, die den Islam der Ahl as-Sunnah verneinen) zu Witwen« gemacht wurden, und verhöhnte Alawitinnen als »Mut’ah-Huren«. Die Mutah-Ehe ist ein eigenartiges juristisches Konstrukt in der Shia, um eine Vergnügungsehe religiös zu legitimieren. Sie ist populär bei der Hezbollah, aber nahezu unbekannt bei den Alawiten.

 Die physische Präsenz von Hassan Abu Qasra in al-Mukhtariya, seine unverhohlenen Drohungen und seine triumphale Verhöhnung der Ermordeten korrelieren mit den über Telegram kommunizierten Operationsbefehlen der Militanten und ihrem Vorstoß an die Küste. Doch die europäischen und US-amerikanischen Meinungsproduzenten beschworen nur noch fatalistischer, dass einzig Ahmed al-Sharaa und seine Männer die Übereifrigen brüderlich-autoritär zur Räson bringen können. So manch einer spekulierte auf eine syrische Night of the Long Knives, in der sich das Regime von den Quälgeistern puristanischer Militanz erlöst. Doch was vielmehr folgte, war die US-amerikanische Akzeptanz für die Inklusion der Muhajirun, die für den Jihad nach Syrien emigriert sind, in die Regimearmee. Unter ihnen Veteranen des Kaukasus Emirats und uigurische Adepten der al-Qaida.

»I would say there is an understanding, with transparency«, Thomas Barrack, Gesandter Donald Trumps für Syrien, zur Integration der »Einwanderer« in die Regimearmee

 Während alawitische Familien weiterhin um ihr Leben fürchten müssen, wird so mancher Bluthund des Ancien Régime rehabilitiert. So etwa Fadi Saqr, Kommandeur einer berüchtigten Regimemiliz, der sich inzwischen in einer von al-Sharaa einberufenen Kommission zur Wahrung des Bürgerfriedens engagiert. Die anti-alawitischen Massaker bleiben ungesühnt, während ihre Protagonisten mit hohen militärischen Rängen dekoriert werden: Sayf Bulad alias Sayf Abu Bakr etwa wurde wenige Tage nach den Massakern zum Brigadegeneral der 76. Division der Regimearmee ernannt. Er gilt mit seinem Kumpan Mohammed al-Jassem alias Abu Amsha, Kommandeur der 25. Division, als eine der zentralen Figuren der anti-alawitischen Abstrafungskampagne. Sayf Abu Bakr und Abu Amsha wurden bereits 2023 als Protagonisten eines lukrativen Entführungsbusiness in der okkupierten Region Efrîn vom US-amerikanischen Finanzministerium sanktioniert. Beide sind engsten vertraut mit Devlet Bahçeli, dem Rudelführer der türkischen Grauen Wölfe, und rekrutieren als jung-dynamische Entrepreneure unter den Warlords für das armenische Bergkarabach, Libyen und den Niger.

 Auf der Brüsseler Ministertagung am 17. März sprach Asaad al-Shaybani, Karrierist in der al-Nusra Front und nunmehr syrischer Minister für auswärtige Affären, vom Ancien Régime als einer 54 Jahre währenden Diktatur einer Minderheit. Keiner der Anwesenden widersprach seiner Identifizierung der dynastischen Staatsbestie mit den Alawiten. In Wahrheit drangen durch den Coup d’État der al-Baʿth-Partei zunächst vor allem Sunniten aus der ruralen Peripherie in die Institutionen des Staates vor. Farouk al-Sharaa, der Cousin des heutigen Präsidenten, etwa war einer der hochrangigsten Beamten der al-Baʿth-Partei und zwischen 1984 und 2006 Minister für auswärtige Affären. War es auch eine Kamarilla alawitischer Karrieristen im Militär, wie es Hafiz al-Asad einer war, die die Rivalität in der al-Baʿth-Partei 1970 für sich entscheiden konnte, zwang das dynastische Regime die Alawiten zur Selbstleugnung. Alawitische Regimekritiker wurden gnadenlos verfolgt, während mancher Sheikh und Stamm der Ahl as-Sunnah weiterhin mit dem Regime kollaborierte. Als das khomeinistische Regime Irans seine strategische Sichel von Proxymilizen auf Syrien ausweitete, waren darin vor allem korrumpierte Stammesautoritäten aus Ostsyrien involviert. Und während die religiösen Investitionen des khomeinistischen Regimes in den alawitischen Gemeinden keine Rendite einbrachten, konvertierten unter den Stämmen im ostsyrischen Deir ez-Zor viele junge Männer zur Shi'at Ali.

 Die tradierte Verachtung der Alawiten ähnelt dem Hass auf alle anderen Abtrünnigen an einen totalitären Islam. Ibn Taymiyya, der als einer der geistigen Architekten der Salafiyya gilt, und seine Fatwa über die Alawiten als schändlichere Ungläubige als Christen und Juden wurde zu Beginn der syrischen Katastrophe unter anderem von Yusuf al-Qaradawi, dem Universalmufti von Al Jazeera, ausführlich referenziert. Als Al Jazeera im Jahr 2015 den Emir der al-Nusra Front, Mohammad Abu al-Julani, dem Publikum präsentierte, sprach der heutige Präsident davon, dass Alawiten »unsere Brüder« seien, wenn sie nur ihren Unglauben bereuen und sich selbst verleugnen: »Wenn sie ihre Irrlehren abschwören, die sie aus dem Islam geführt haben, werden sie unsere Brüder sein« – andernfalls hätten sie sich vom Islam abgewandt und würden als Abtrünnige gelten. Al-Julani beharrte im brüderlichen Gespräch mit dem ägyptischen Journalisten Ahmed Mansour auf der Identität zwischen dynastischem Regime und den von ihm als »Nusairier« verächtlich gemachten Alawiten – ganz so wie sein Weggefährte Asaad al-Shaybani.

 

Proteste im kurdischen Qamişlo angesichts der anti-alawitischen Massaker, 11. März 2025 (Fotografie: Delil Souleiman)

 Zwischen Tod und Reue mussten sich zuvor auch die Drusen im befreiten Idlib entscheiden. Als die al-Nusra Front Ende 2014 Fraktionen der Freien Syrischen Armee schwer konfrontierte und in der Folge in die drusischen Gemeinden im bergigen Norden von Idlib, dem Jabal al-Summaq, vordrang, zwang man die Drusen zu einer schriftlichen Erklärung, dass sie ihrem Irrglauben abschwören und jene, die weiterhin darauf beharren, als »Götzenanbeter« verleugnen. Die drusischen Gemeinden mussten sich zudem verpflichten, Heiligenschreine zu zertrümmern, der Jugend einen puritanischen Islam zu lehren und die für Frauen geltenden strengen Kleidungsvorschriften zu befolgen. In den Schulen der drusischen Gemeinden wurden nunmehr die Schriften von Mohammad Ibn Abd al-Wahhab und Ibn Taymiyya sowie Lektüren wie »Der Hijab und die Zierde: Zwischen Wahrheit und Täuschung«, eine Publikation aus dem katarischen Ministerium für Islamfragen, gelehrt.

 In den folgenden Jahren waren die drusischen Gemeinden im nördlichen Idlib mit einer starken Zuwanderung von vor allem uigurischen Militanten konfrontiert. In der Region lebten von Jahr zu Jahr weniger zwangsislamisierte Drusen. Im Jahr 2021 übernahm das uigurische Bataillon al-Ghuraba al-Turkestan, integriert in die Hayʼat Tahrir al-Sham, die drusische Gemeinde Qalb Lawzah, von der al-Nusra Front in Qalb al-Islam umbenannt, als sein Lehen. Während der Etablierungsphase des Bataillons im Jahr 2017 referenzierte es in seiner Public-Relations-Kampagne nahezu alle Koryphäen der al-Qaida.

 Im südsyrischen Suwayda scheiterte der Islamische Staat im Jahr 2018 mit einer genozidalen Kampagne am entschlossenen Widerstand der Drusen. Doch weit mehr als hundert Drusen wurden am 25. Juli 2018 in dem halbautonomen Gouvernement durch die suizidalen Kamikazes des Islamischen Staates ermordet, weitere Frauen und Kinder wurden zu Geiseln genommen. Nach dem Gerücht von Leichenschändungen an Muslimen durch drusische Milizen eskalierten in der Folge auch in Idlib die Aufrufe zum Mord an den verbliebenen Drusen, die erneut zur schriftlichen Selbstverleugnung gezwungen waren.

 Die Drusen in Suwayda beschuldigten 2018 das Damaszener Regime, auf einen Vorstoß des Islamischen Staates nach Suwayda spekuliert zu haben, um in der Folge seine Autorität in der südsyrischen Grenzregion zu restaurieren. Zuvor hatte das Regime die Militanten eben jener genozidalen Schwadronen, die nach Suwayda durchbrachen, aus der Yarmouk-Enklave des Islamischen Staates im Damaszener Süden evakuiert. Für viele Drusen brachten spätestens jene Tage die Gewissheit, einzig der eigenen Militanz vertrauen zu können.

 Angesichts der andauernden Morde an Alawiten und der Straflosigkeit, auf die die Schlächter kalkulieren können, war es nur die Frage nach dem »Wann«, dass nunmehr auch die Aggression gegen die Drusen wieder eskaliert. Am 28. April dieses Jahres brachen zunächst in Jaramana, dann in weiteren drusischen Gemeinden in der Damaszener Peripherie schwere Konfrontationen mit Milizen des Regimes aus. Es bedurfte zum Hassausbruch einzig des Gerüchts, dass ein drusischer Gelehrter sich blasphemisch über den Propheten Mohammed geäußert habe. Auch an den Universitäten in Homs und anderswo mussten Drusen um ihr Leben fürchten. Wie zuvor bei den anti-alawitischen Massakern sprachen die Multiplikatoren unverhohlen über die Intention. So etwa Mohammad Jamal, ein embedded journalist der Hayʼat Tahrir al-Sham, der mit Regimemilizen nach Jaramana eindrang. Angesichts des Hissens der Flagge mit der Shahada in jener Damaszener Gemeinde, wo vor allem Drusen und assyrische Christen ausharren, drohte Jamal: »Entweder erlangt die Religion ihren Ruhm wieder oder unser Blut wird fließen.« In Europa indes beschwor man weiterhin, dass der syrische Präsident Ahmed al-Sharaa im eigenen Interesse nicht anders könne, als sich um Deeskalation zu bemühen. Bei manch einem der MENA-Analysten, wie etwa Charles Lister, äußert sich die ideologische Mimikry darin, dass die drusischen Kritiker des Regimes unverhohlen als Proxys Israels denunziert werden.

 Der Frontreisende Mohammad Jamal beschwört angesichts des Aufrufs an die Stämme Syriens zum Marsch auf Suwayda, dass das »Blut der Märtyrer nicht vergebens« und Suwayda alsbald wieder islamisch sein werde. Mit martialischen Drohungen trat in diesen Tagen auch Hassan Abu Qasra wieder auf. »Wir werden brüderlich Seite an Seite leben«, so der dystopische Schwur, »wenn die Narren, Agenten, Verräter und alle, die glauben, sie seien größer als die Heimat, vernichtet sind«. Der Marsch der Stämme aus teils weit entfernten Gouvernements wie Raqqa und Deir ez-Zor ist für Abu Qasra »eine historische Lektion in Ritterlichkeit und Würde«. Hassobjekt ist vor allem Hikmat al-Hijri, eine der geistlichen Autoritäten der Drusen. Al-Hijri wird von den syrischen Sykophanten und dem türkischen Minister für auswärtige Affären, Hakan Fidan, als »Agent Israels« und perfider Intrigant gegen die nationale Herrlichkeit denunziert. Charles Lister, einer der umtriebigen Katar-finanzierten MENA-Analysten dieser Tage, suggeriert eine Nähe des Geistlichen zum Captagonbusiness. Der omnipräsente Wanderprediger Abdullah al-Muhaysini, der als Frontreisender der syrischen Katastrophe den suizidalen Kindstod pries, raunt indes davon, dass die kriminellen »al-Hijri-Milizen« im verschwörerischen Bund mit Israel »Hirten und Schafzüchter« abschlachten. Ihr penetranter Opfermythos ist projizierter Vernichtungswahn.

 Was hat Hikmat al-Hijri verbrochen, dass er in diesen Tagen zur Ausgeburt des Hochverrats wurde? Der Geistliche befürwortet nicht einen Drusenstaat oder etwa eine Einverleibung Südsyriens durch Israel. Al-Hijri provoziert einzig dadurch, dass er auf konstitutionelle Garantien für eine dezentralisierte und säkulare Republik beharrt. Anders als Berufslügner wie Charles Lister spricht er aus, dass auch nach mehr als einem halben Jahr der Transformationsprozess der bleiernen Diktatur in ein ziviles Gemeinwesen stagniert. Vielmehr noch: Ganz wie unter dem dynastischen Regime perpetuiert die Hayʼat Tahrir al-Sham eine zentrale Strategie von Hafiz al-Assad: die Identität der Armee mit der de-facto-Staatspartei. Zugleich ist die Armee ein Konglomerat von Kadern der militanten Salafiyya und berüchtigter Warlords. 

Solidaritätsmarsch mit Suwayda in Qamişlo, 17. Juli 2025 (Fotografie: Delil Souleiman)

 In der Verfassungserklärung, zunächst gültig für eine halbe Dekade, wird nirgends von Demokratisierung gesprochen. Es wird vielmehr eine präsidiale Staatsform legitimiert, in der alle Autorität in der Person von Ahmet al-Sharaa konzentriert ist. Sie ähnelt darin jener Konstitution aus dem Jahr 1973, mit der Hafiz al-Assad alle Entscheidungsmacht zugestanden wurde. Al-Sharaa ernennt die Minister. In allen zentralen Ministerien sind Veteranen der al-Nusra Front in Amt und Würden: Minister für auswärtige Affären ist Asaad al-Shaybani, der noch 2021 im katarischen Doha mit hohen Beamten der Europäischen Union über die Damaszener Ambitionen der Hayʼat Tahrir al-Sham gesprochen haben soll. Mit der von ihm dekretierten Etablierung eines Generalsekretariats für politische Affären hat al-Shaybani seine Autorität weit über sein eigenes Ministerium ausgeweitet. Das Triumvirat wird komplementiert durch Anas Khattab, den Minister für innere Affären, der zuvor die Staatssicherheit der Hayʼat Tahrir al-Sham in Idlib etabliert hat. Die ministeriale Reorganisation der Armee erfolgt unter der Ägide von Murhaf Abu Qasra. Justizminister ist mit Mazhar al-Wais ein weiterer Veteran der al-Nusra Front. In einer seiner Schriften macht der Shariahgelehrte das entscheidende Berufskriterium für einen Richter in seiner Freiheit aus: »… denn ein Sklave hat keine Autorität über sich selbst, wie kann er also Autorität über andere haben?« Frauen können folglich genauso wenig Richter werden wie jene, die den Treueschwur auf Allah und den Propheten nicht gesprochen haben, denn diese dürfen keine Autorität über Muslime haben.

 Eine Volksversammlung wurde nach wie vor nicht einberufen – und wenn es so weit sein sollte, werden 70 der Mandate von al-Sharaa selbst und die weiteren 140 von den bezirklichen Kollegien einer von ihm benannten Hohen Kommission erteilt. Al-Sharaa ernennt auch die Richter jener höchsten Institution, die über die Verfassungstreue wacht, sowie die Shariahgelehrten der Fatwa-Kommission, neben Justizminister Mazhar al-Wais etwa Abd al-Rahim Atoun, einer der Vordenker der Hayʼat Tahrir al-Sham. Oppositionsparteien existieren in dem Transformationsprozess nicht, Kritik wird als Blasphemie verstanden.

 Erstaunen sollte das alles nicht: Als der junge Al-Sharaa unter dem Nom de guerre Abu Mohammed al-Julani Ende des Jahres 2011 mit seinen Männern nach Syrien eindrang, geschah dies, nachdem sich in Syrien aus Deserteuren der Regimearmee die Freie Syrische Armee und in den befreiten Territorien zivile Räte etabliert hatten. Die al-Nusra Front denunzierte solche Bemühungen demokratischer Selbstermächtigung vehement als »Blasphemie« und Ausgeburten »polytheistischen Unglaubens«. Al-Sharaa und seine Männer haben den dynastischen Staat nicht revolutionär zerschlagen. Sie haben sich vielmehr, eben wie bei einem Coup d’État, die Institutionen des Ancien Régime einverleibt. Doch das alles kann nicht verschleiern, dass das Regime nur in einem Teil von Syrien überhaupt territoriale Geltung erlangt hat. Die demokratischen Föderalisten in Nordostsyrien behaupten weiterhin circa 25 Prozent des syrischen Territoriums – und es wären noch mehr, hätte die türkische Staatsfront in den Jahren zuvor nicht Efrîn, Girê Sipî und Serê Kaniyê okkupiert. Und auch Suwayda ist noch nicht gefallen.

 Kein anderes Regime war nach einem Coup d’État mit einem solchen diplomatischen Eifer konfrontiert wie Syrien – daran konnte auch der »Handschlag-Eklat« nichts ändern. Einzig darin gründet die Legitimation des Regimes von Ahmed al-Sharaa, der als Emir der al-Nusra Front die bürgerliche Demokratie als »Blasphemie« ächtete und dessen Männer aufrichtige Revolutionäre wie Raed Fares ermordeten. Die hastige Anerkennung durch US-Amerikaner und Europäer ist ein Totschlagargument gegenüber innersyrischer Regimekritik.

 Wenige Tage vor der Eskalation in Suwayda hatte Donald Trumps Point Man in Damaskus und Ankara, Thomas Barrack, auf ein Ende der Bemühungen um ein dezentralisiertes Syrien gedrängt, das nicht nur für Drusen eine Lebensversicherung wäre. Barrack schmeichelte dabei dem Regime, dass es »unglaublich enthusiastisch« darin sei, divergierende »Interessen anzugleichen«. Charles Lister, Katars Point Man unter den MENA-Analysten, indes beschuldigt die demokratischen Föderalisten, dass sie die »größte Barriere« für die Stabilisierung Syriens seien (Al Majalla, 11.07.2025).

»Federalism doesn't work … there is only one road, that road is to Damascus«, Thomas Barrack, 09.07.2025

 Das jüngst Geschehene in Suwayda ähnelte zunächst einer bekannten Szenerie. Das Regime eskaliert und inszeniert sich zugleich als Souverän, der als einziger die Übereifrigen brüderlich-autoritär zur Räson bringen kann. Unter den Aggressoren in Suwayda sind auch die Männer von Farhan al-Marsoumi. Der Sheikh des al-Marasima-Clans aus dem ostsyrischen Deir ez-Zor war jahrelang eine der zentralen Figuren im Narkobusiness mit der Hezbollah und in den Infiltrationsbemühungen des khomeinistischen Regimes. So rekrutierte er etwa junge Männer für das 47. Regiment, eine Schattenmiliz der Pasdaran. Heute scheint er hohen strategischen Wert für das Salafiyya-Upgrade des al-Baʿth-Regimes zu haben und empfängt Jamal al-Sharaa, einen der Brüder des Präsidenten, als seinen persönlichen Gast. Verifiziert ist auch die Präsenz der 82. Division im Gouvernement Suwayda während der jüngsten Massaker. Diese Einheit der Regimearmee ist nahezu identisch mit der Ansar al-Tawhid, eine Restauration der berüchtigten Jund al-Aqsa. Während die Propaganda Ahmed al-Sharaa als frommen Sohn der Stämme porträtiert, kursieren die ewiggleichen Snuffs von der Front. Die Militanten brüllen einen verzweifelt gestikulierenden Mann an: »Bist du Druse?« Seine Antwort »Ich bin Syrer, Bruder« genügt ihnen nicht: »Bist du ein Druse oder Muslim?« Noch bevor er zu Ende gesprochen hat, »Druse, Bruder, Druse«, durchdringt unter dem triumphalen Gebrüll »Allahu Akbar« eine Salve gegossenes Blei seinen Körper. Unter Injurien wie »Drusenschweine« werden Hunderte ermordet. Für die bestialischen Hinrichtungen in der Charité von Suwayda werden die Militanten der Ansar al-Tawhid beschuldigt.

 Thomas Barrack, der als Investor sein Business vor allem mit dem Emirat Katar gemacht hat, bevor er zu Trumps Point Man für Syrien geworden ist, spricht über seine Überzeugung, dass man mit al-Sharaa dieselben Interessen teile. Wie in Idlib wolle man ein »inklusives und effektives« Gemeinwesen eines »moderaten Islams«. Dabei war das von Barrack gepriesene Staatssurrogat in Idlib von Beginn an mit Protesten konfrontiert, die in der ersten Hälfte des Jahres 2024 bedrohlich wurden. Die Hayʼat Tahrir al-Sham wurde dafür kritisiert, das repressive Regime nachzuahmen. Unverhohlen wurde die Strafverfolgung von al-Sharaa gefordert. Effektiv war die Hayʼat Tahrir al-Sham einzig in ihrer Etablierung als Kartellpartei und in einer mafiotischen Vereinnahmung der Ökonomie von Idlib. Organisationsferne Konkurrenten wurden mit horrenden Strafzöllen vom Markt gedrängt, Exklusivlizenzen einzig den eigenen Kadern gewährt, Schmuggel mit gegossenem Blei vergolten, indessen höchstprofitabel Produkte aus dem verhassten Iran eingeführt und Preise diktiert. Eine in der Folge eskalierende Inflation war einer der Gründe für die Proteste im Jahr 2024. Die Profiteure unter den ranghohen Kadern der Hayʼat Tahrir al-Sham, wie die Brüder Hudhayfah und Qutayba Badawi, werden von Kritikern »die Prinzen« genannt. Die syrische Ökonomie, weit über Idlib hinaus, wird in diesen Tagen vom Bruder des Präsidenten, Hazem al-Sharaa, und einer Schattenkommission restrukturiert. Syrer, die unter der mafiotischen Raubökonomie des dynastischen Regimes profitiert haben, erkaufen sich Immunität gegenüber drohender Strafverfolgung und die Aussicht auf weiteres Business. Die Kommission soll mit dieser Erpressung Vermögenswerte von über 1,6 Milliarden US-amerikanischen Dollar erworben haben. Neben Hazem al-Sharaa nennt eine Recherche von Reuters Mustafa Qadid, einer der Prinzen von Idlib, und Ibrahim Sukkarieh, der als Finanzier der al-Nusra Front in Australien sanktioniert wurde, als die zentralen Figuren der Schattenkommission.

 Bevor das alles geschah, was den Kairos auf den Vorstoß nach Damaskus hervorbrachte – die Lähmung der Hezbollah, die Lethargie der russischen und khomeinistischen Despotie, die Leichenstarre des dynastischen Regimes infolge von Desertation und grassierender Korruption –, verharrte die Hayʼat Tahrir al-Sham in Idlib angesichts von Fraktionsfehden und ausdauernden Protesten in Instabilität. Ihre Popularität schwand selbst in der konservativen Bastion Idlib dahin und al-Julani wurde mehr gefürchtet als idealisiert. Auch die Güte des Islams von Idlib ist eine Phantasmagorie. Die Hayʼat Tahrir al-Sham hat in Idlib die Befolgung der Bekleidungsvorschriften rigoroser erzwungen als zunächst die Taliban nach der Restauration ihres Emirats im Jahr 2021. Frauen wurden mit Disziplinarhaft bedroht und wurden zur Unterschrift unter einer Verpflichtungserklärung gezwungen, wenn die Belehrungspatrouillen der Hisbah etwa eine »zu helle« Farbe der Körperverschleierung rügten. Ibrahim Shasho, ein Shariahgelehrter der Hayʼat Tahrir al-Sham und nunmehr Dekan der Fakultät für Shariah an der Universität Aleppo, empfiehlt Schwarz als die »anständigste« Farbe für die Ganzkörperverhüllung. Nachdem im April dieses Jahres die Feministin Hiba Ezzideen al-Hajii die Entführungen alawitischer Frauen nach Idlib zur Sprache brachte, begannen die Sykophanten des Regimes mit einer Verleumdungskampagne. Der Gouverneur von Idlib, Mohammad Abdul Rahman, bat persönlich den Prosekutor von Idlib, die renitente Frau anzuklagen. Sie habe sich schuldig gemacht, den Hijab herabzuwürdigen, da sie zuvor erklärt habe, dass der obligatorische Hijab in einem von ihr mitinitiierten und inzwischen verplombten Frauenzentrum in Idlib, wo Frauen unter sich bleiben, unnötig sei.

 Die Würdigung des 7. Oktober 2023 und seiner genozidalen Protagonisten ist in Idlib monumental verewigt. Verwaist sind indes die alawitischen Gemeinden von Jisr ash-Shughur im Gouvernement Idlib, die vor allem Zitrusfrucht- und Olivenhaine kultivierten – verdrängt von hunderten Militanten der Islamischen Partei Turkestans und ihrer Familien. Eine ähnliche Szenerie in den drusischen Gemeinden des Jabal al-Summaq: Von den zuvor 32.000 Drusen leben noch weniger als 1500 im nördlichen Idlib. Mehrere Tausend Hektar Agrarfläche wurden von der Hayʼat Tahrir al-Sham konfisziert. Idlib ist bis heute ein dystopischer Moloch und zugleich ein Ideal islamofaschistischer Agitatoren. Als jüngst in Sarmada im Gouvernement Idlib ein Konzertsaal unter dem Gebrüll »Allahu Akbar« demoliert worden war, kommentierte der umtriebige Regimepropagandist Abdullah al-Muhaysini: »Idlib, das Minarett der Führung, parfümiert mit dem Blut der Märtyrer.« Der Wanderprediger, der Woche für Woche in den Moscheen Syriens agitiert, rekrutierte in jenen Jahren, als die al-Nusra Front in der Idlib-Region territoriale Geltung erlangte, Halbwüchsige, denen er grinsend paradiesische Belohnungen aus schwarzäugigen Jungfrauen versprach, für die suizidalen Kamikaze.